Im Fokus: Medizinanthropologie - Über die soziokulturellen Aspekte von Gesundheit

Tschad, Am Timan 2014 Gruppendiskussion zu reproduktiver Gesundheit © Ursula Wagner

Medizinanthropologie – Was? Warum? Wofür?

Die Society for Medical Anthropology, eine Sektion des weltweit größten Verbandes für Anthropologinnen und Anthropologen – die American Anthropological Association – definiert  das Forschungsfeld der Medizinanthropologie oder Medical Anthropology folgendermaßen:

"Medical Anthropology is a subfield of anthropology that draws upon social, cultural, biological, and linguistic anthropology to better understand those factors which influence health and well being (broadly defined), the experience and distribution of illness, the prevention and treatment of sickness, healing processes, the social relations of therapy management, and the cultural importance and utilization of pluralistic medical systems."

Um für Krankheiten, körperliche Symptome oder Schmerzen eine angemessene und erfolgreiche Diagnose und Behandlung erzielen zu können, ist es notwendig, dass Mediziner/innen die soziokulturellen Kontexte ihrer Patient/innen berücksichtigen und ihre Ängste und Vorstellungen ernst nehmen. Diese Meinung vertritt auch Ruth Kutalek, Vorsitzende des wissenschaftlichen Kuratoriums der Kommission für Entwicklungsforschung (KEF) und Leiterin von Medical Anthropology and Global Health,  einer Unit der Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin des Zentrums für Public Health an der Medizinischen Universität Wien.

Auch was als anormales menschliches Verhalten gilt, ist aus sozialwissenschaftlicher Perspektive gesellschaftlich, kulturell und historisch variabel. Wissen und Praktiken rund um Krankheit, Heilung und Gesundheit sind sozio-kulturell geprägt. Dennoch folgen sie innerhalb eines kulturspezifischen Kontextes "rationalen" Prinzipien, auch wenn diese sich vom naturwissenschaftlichen Verständnis unterscheiden, erklärt Nina Grube, Ethnologin an der Freien Universität Berlin, im Hinblick auf psychisch-seelische Störungen. Daher ist es wichtig, das lokale Wissen der jeweiligen Gesellschaft im Sinne eines gegenseitigen Austausches auf Augenhöhe in den Forschungsprozess einzubeziehen. Mittels transdisziplinärer Ansätze kann die Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung der betroffenen Menschen gefördert werden. Medizinanthropologinnen und Medizinanthropologen können hierbei die Rolle von "Übersetzer/innen" oder die Funktion einer "Brücke" zwischen unterschiedlichsten Vorstellungen einnehmen, so auch die Gäste der Sendung.

Weitere spannende Informationen, Begrifflichkeiten und Konzepte findet man im Medical Anthropology WIKI, in dem Blog "Medizinethnologie", moderiert von der Arbeitsgruppe Medical Anthropology der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde, oder auf der Homepage der Österreichischen Gesellschaft für Medical Anthropology. Auf der Homepage von Medicine Anthropology Theory, einem englischsprachigen Open-Access-Journal, werden unter anderem wissenschaftliche Artikel zum Thema frei zugänglich zur Verfügung gestellt.

In Europa gibt es außerdem mehrere regionale wissenschaftliche Netzwerke, unter anderem das EASA Medical Anthropology Network, welches im Jahr 2004 in Wien seinen Anfang nahm.

Medizinanthropologie und humanitäre Hilfe

In den letzten Jahren zeichnet sich eine beidseitige Annäherung zwischen dem Bereich der humanitären Hilfe und der Anthropologie ab. Ursula Wagner verdeutlicht diese Entwicklung in einem Artikel, welcher den Stellenwert der Anthropologie in der humanitären Hilfe am Beispiel von Ärzte ohne Grenzen verdeutlicht. Sie war selbst als Medizinanthropologin im Bereich der Gesundheitssensibilisierung für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz im Tschad/Zentralafrika (2014/15). Auf ihrem Blog berichtete sie ausführlich von ihren Erfahrungen und Erlebnissen vor Ort. Anthropologinnen und Anthropologen sind bei Ärzte ohne Grenzen gefragt und werden sogar aktiv gesucht, wie man den Stellenanzeigen entnehmen kann.

Vernachlässigte Krankheiten, Armut und die Rolle der Medizinanthropologie

Um der breiten Bevölkerung – insbesondere in den ärmsten Regionen der Erde – einen Zugang zu medizinischen Einrichtungen und ein gesundes Leben ermöglichen zu können, muss zunächst die vorherrschende Armut beseitigt werden. Zusätzlich soll sich die lokale Bevölkerung mittels Zugang zu Wissen und durch Bewusstseinssteigerung empowern. Letzteres kann durch die Weitergabe von Informationen auf kultursensible Art und Weise von Medizinanthropologinnen und Medizinanthropologen geleistet werden. Armutsreduktion geht Hand in Hand mit Aspekten wie Ernährung und Gesundheit, wie auch Constantine Steven Loum in der Sendung erklärt. In diesem Zusammenhang spielt insbesondere die Problematik sogenannter "vernachlässigter tropischer Krankheiten" eine relevante Rolle. Die Zeit veröffentlichte kürzlich einen Artikel, wo argumentiert wird, dass Armutserkrankungen nicht nur Länder des Globalen Südens betreffen. Vor allem die arme Bevölkerung der G20-Länder, beispielsweise in Brasilien, leidet stark unter den armutsbedingten Infektionskrankheiten.

Das Südwindmagazin veröffentlichte in der Ausgabe 06/2017 mehrere Artikel, welche die Zusammenhänge zwischen Armut, Infektionskrankheiten, vernachlässigten tropischen Krankheiten etc. thematisieren:

Ansteckungsgefahr Armut

Infektionskrankheiten

Top 10 Todesursachen

WHO

Malaria

Kontroverse um Impfungen

Auch Ärzte ohne Grenzen engagiert sich für den Kampf gegen die armutsbedingten vernachlässigten Krankheiten. Laut einer Initiative werden nur 10 % des Forschungsaufwands weltweit in die Erforschung von Krankheiten investiert, welche aber mehr als 90 % der globalen Krankheitslast ausmachen. Die Drugs for Neglected Diseases initiative (DNDi), eine nicht profit-orientierte Organisation, setzt sich beispielsweise für Forschung über und einen gerechten Zugang zu Medikamenten gegen die besagten Infektionskrankheiten ein.

Weitere Infos sind auch im Youtube-Kanal von Ärzte ohne Grenzen zu finden.

Podcast

Welt im Ohr Logo © Lilo Moser

In der Sendung "Medizinanthropologie: Über die soziokulturellen Aspekte von Gesundheit" geben Mag.a Ursula Wagner, Univ.-Doz.in Mag.a Dr.in Ruth Kutalek und Dr. Constantine Steven Loum einen Einblick in ihren Arbeits- und Forschungsbereich der Medizinanthropologie. Ruth Kutalek und Constantine Steven Loum sprechen unter anderem über die Erfolge des ehemaligen APPEAR Projektes "MA-MEDANIH". Im Zuge dessen wurde der Masterlehrgang Master Program Medical Anthropology and International Health an der Gulu University entwickelt und implementiert und befindet sich aktuell im dritten Jahrgang. Ursula Wagner spricht über ihren Einsatz als Medizinanthropologin bei Ärzte ohne Grenzen.

Bereits im Jahr 2013 gab es im Zusammenhang mit dem Projekt "MA-MEDANIH" eine Sendung. Diese thematisierte die Bedeutung des transdisziplinären Feldes der Medizinanthropologie für die Entwicklung eines kultursensitiven Verständnisses von Krankheit, Gesundheit und Heilung in außereuropäischen Kontexten. Auszüge aus dieser Sendung können Sie auch auf unserer Jubiläums-CD hören.