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Globaler Süden und Fußball

Finanzielle Ungleichheiten

Während immer wieder Millionen-Summen, die für Transfers von Elite-Spielern ausbezahlt werden, Schlagzeilen machen, ist der Großteil an professionellen Fußballspielern von niedrigen Gehältern und instabilen Arbeitsverhältnissen betroffen. Besonders Fußballer auf dem afrikanischen Kontinent verdienen im internationalen Vergleich sehr wenig. In einem Interview erklärt der ehemalige Nationalmannschaftstrainer von Gabun, dass seine Spieler zwischen 200 und 600€ pro Monat bekommen. Währenddessen verdienen ihre Nationalmannschaftskollegen, die bei französischen Clubs unter Vertrag sind, das 80-Fache. Im 2016 FIFPro Global Employment Report wurden 14.000 professionelle Fußballer in 54 Nationen zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. Bei 20% der Befragten beträgt das Monatsgehalt weniger als 300€. In Afrika ist der Anteil derjenigen, die unter 1000€ im Monat verdienen, im Vergleich zu Europa und Nord- und Südamerika, mit 73,2% am höchsten, während er global bei 44,6% liegt. National gesehen ist dieser Anteil in Ghana mit über 99% am höchsten.

Abhängigkeiten

Im globalen Fußball treten allerdings nicht nur ökonomische Ungleichheiten auf. Weitere Aspekte sozialer Ungleichheit sind kulturelle und soziale Machtverhältnisse. Eine Übersicht über den Zusammenhang von globaler ungleicher Entwicklung und Fußball finden Sie im Einleitungskapitel derSchwerpunktausgabe des Journals für Entwicklungspolitik.

Zur historischen Verbreitung von Fußball im kolonialen Kontext und postkolonialen Abhängigkeiten in Afrika lesen Sie hier und hier auf den Seiten 23-35.

Zum Transfer von afrikanischen Fußballspielern nach Europa und zur Rolle von Fußballakademien in diesen Prozessen finden Sie hier einen Artikel zum Herunterladen.

Aktuelle Statistiken zu afrikanischen Spielern in europäischen Fußballclubs waren nicht auffindbar. Im Jahr 2004 waren 67% der Nationalmannschaftsspieler im Africa Cup of Nations bei einem europäischen Verein unter Vertrag (Darby, Paul (2007): Out of Africa: The Exodus of Elite African Football Talent to Europe). Das CIES Football Observatory veröffentlicht jährlich statistische Fußballanalysen, in denen auch globale Fußball-Migration vorkommt. Hier finden Sie Statistiken zu afrikanischen Spielern in der englischen Premier League.

In diesem Video reagiert der aus Südafrika stammende Kabarettist, Moderator, Schauspieler und Host der US-amerikanischen Satire-Show „The Daily Show“, Trevor Noah, auf Frankreichs Kritik an seinem Witz, Afrika habe die Weltmeisterschaft gewonnen.

Sport for Development and Peace (SDP)

Sport for Development and Peace (SDP) meint die bewusste Verwendung von Sport als ein Mittel zur Entwicklung. Im Vordergrund steht dabei nicht die Entwicklung von Sport, im Sinne der Förderung von Sportler/innen und Vereinen, sondern das Vorantreiben von allgemeinen Entwicklungszielen und Friedensbildung mithilfe von Sportprojekten. In diesem Zusammenhang wird insbesondere auch Fußball von verschiedensten Initiativen und Organisationen als Tool benutzt, um Zielsetzungen der internationalen Entwicklung, sozialen Veränderung und globalen Gerechtigkeit näherzukommen.

Sport ist innerhalb des Entwicklungsbereiches vergleichsweise neu und seine Bedeutung für Entwicklung ist, trotz einiger vorangegangener Erwähnungen, vor allem in den letzten 15 Jahren verstärkt angestiegen. Sport für Entwicklung kann als eine internationale Bewegung mit vielfältigen Akteur/innen beschrieben werden. Im Jahr 2001 kam es aufgrund der Anerkennung der Vereinten Nationen von Sport als Mittel zur Erreichung von Entwicklungszielen zu einer Systematisierung und Verbindung einzelner Bemühungen und Akteure. Adolf Ogi wurde Special Adviser for Sport on Development and Peace und das United Nations Office on Sport for Development and Peace (UNOSDP) wurde etabliert (Beutler, Ingrid (2008): Sport serving development and peace: Achieving the goals of the United Nations through sport). Sport wurde in der Agenda 2030 als treibende Kraft für nachhaltige Entwicklung anerkannt. Wie Sport zur Erreichung der Sustainable Development Goals beitragen kann und soll, erfahren Sie hier und hier.

Das UNOSDP wurde im Mai 2017 geschlossen und durch eine direkte Partnerschaft der Vereinten Nationen mit dem International Olympic Committee ersetzt. Obwohl die UN behauptet, dass es aufgrunddessen zu keinen negativen Konsequenzen kommen wird und Sport für Entwicklung dadurch eine noch stärkere Gewichtung erhält, gibt es auch kritische Stimmen.

Einige SDP-Initiativen haben hier Berichte zur Rolle der Nachhaltigen Entwicklungsziele in ihrer Arbeit veröffentlicht. In der Radiosendung hat Franziska Temper die Initiative PLAY International erwähnt, welche soziale Veränderung und Entwicklung mithilfe von Fußball bewirken möchte. Die Initiative fairplay des VIDC hat ein Sport für Entwicklungs-Projekt in Kenia durchgeführt.

SDP in der Wissenschaft

Mit der vermehrten Herausbildung von SDP-Initiativen ist auch das Forschungsinteresse diesbezüglich angestiegen. Kurt Wachter teilt in seinem 2018 erschienenen JEP-Artikel „Understanding North-South Relations in Sport for Development: The Case of the Mathare Youth Sports Association“ sowie in  seiner Masterarbeit wissenschaftliche Arbeiten zu Sport for Development in zwei grundlegende Richtungen ein. Einerseits Forschungen, die untersuchen, wie Sport und Fußball zur Erreichung von Entwicklungszielen mobilisiert werden können und oftmals die Nützlichkeit von Sport for Development nachzuweisen versuchen (siehe z.B. Beutler, Gasser/Levinsen, Schwery; kein Open Access, weshalb nur die Abstracts der Artikel frei zugänglich sind). Andererseits jene Forschungen, die Machtverhältnisse und dominante Diskurse innerhalb von Sport for Development erforschen und koloniale Tendenzen offenlegen und kritisch analysieren (siehe z.B. Black, Darnell/Hayhurst, Nicholls/Giles/Sethna; kein Open Access).

Der Argumentation der zweiten Linie von Wissenschafter/innen folgend, ist es problematisch, dass die Bedeutung von Entwicklung oft nicht hinterfragt und ausgehandelt, sondern als selbstverständlich angenommen wird. Dieses Verständnis von Entwicklung greift oftmals koloniale Diskurse und Tendenzen auf, sodass SDP zu Ungleichheiten und Unterentwicklung beiträgt, wenn Machtbeziehungen ignoriert werden. Der Sektor SDP scheint weiterhin traditionellen Mustern der Entwicklungszusammenarbeit - mit Transfers von Ressourcen von nördlichen Gebern in den globalen Süden – zu folgen. Somit erscheint er als Gegensatz zu aktuellen Paradigmen in breiteren Entwicklungsdiskursen.

Ungleichheiten im Frauenfußball

Fußballerinnen erhalten im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen weniger Gehalt und Prämien, geringere Investitionen, weniger öffentliche Aufmerksamkeit und sie haben oft mit Vorurteilen zu kämpfen. Laut der Global Sports Salaries Survey 2017 liegt beispielsweise in der deutschen Frauen-Bundesliga das jährliche Durchschnittsgehalt einer Fußballerin bei 37.300€. Im Vergleich dazu beträgt das durchschnittliche Jahresgehalt eines Fußballers in der Bundesliga 1,39 Millionen €. Argumentiert werden ungleiche Bezahlungen und Investitionen im Frauenfußball oft mit geringerer Aufmerksamkeit, weniger Zuschauer/innen und geringerem Medieninteresse und Werbewert.

Im Herbst 2017 protestierte das dänische Fußball-Nationalteam der Frauen wegen geringer Entlohnung und fehlender Investitionen in den Frauenfußball. Das Team war zuvor Vize-Europameister geworden und hatte bereits über längere Zeit hinweg erfolglos mit dem Fußballverband wegen Gehältern, fehlendem Vertrauen und Absicherungen verhandelt. Daraufhin streikte das Team über mehrere Wochen und sagte unter anderem ein WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden ab. Schließlich konnte das Nationalteam mit einer Erhöhung ihrer Prämien um 60% und 270.000€ an zusätzlichen jährlichen Investitionen in den Verein einen ersten Sieg erringen. Der norwegische Fußballverband hat im Herbst 2017 die Prämien der Fußballerinnen der Nationalmannschaft an jene der Männer angepasst.

Im kritischen österreichischen Fußballmagazin ballesterer wird immer wieder zu Frauen im Fußball berichtet, wie beispielsweise in dieser Ausgabe zu weiblichen Fußballfans.

FIFA und Menschenrechte

Die FIFA, dem Status nach ein Schweizer Verein, vertrat lange Zeit den Standpunkt, nicht den UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verpflichtet zu sein, da sich diese an multinationale Unternehmen richten. 2015 beauftragte die FIFA den Verfasser dieser Leitprinzipien und Harvard-Professor, John Ruggie, mit der Ausarbeitung von Empfehlungen bezüglich der Achtung der Menschenrechte in der FIFA. Im Bericht „Für das Spiel. Für die Welt.“ veröffentlichte Ruggie 25 Handlungsempfehlungen. 2016 bekannte sich die FIFA explizit in ihren Statuten zur Einhaltung und zum Schutz aller international anerkannten Menschenrechte. 2017 veröffentlichte sie auf Basis der Empfehlungen eigene Leitprinzipien zu Menschenrechtsfragen. In diesen verpflichtet sie sich nicht nur, keine negativen Auswirkungen auf Menschenrechte zu verursachen, sondern sogar positive Effekte zu erzielen. Außerdem wurde ein Beratungsausschuss für Menschenrechte gegründet, der im September 2017 seinen ersten Bericht verfasste. Zudem wurde das Bewerbungsverfahrens für Austragungsländer der WM 2026 überarbeitet. Nachhaltigkeit und Menschenrechte wurden als neue Kriterien in das Evaluationsverfahren aufgenommen. Mehr zum Thema Menschenrechte in der FIFA finden Sie hier.

In der Vergangenheit ist die FIFA immer wieder durch Korruptionsskandale bezüglich der Vergabe von Weltmeisterschaften und Fernsehrechten aufgefallen. Besonders hinsichtlich der WM-Vergabe 2022 an Katar besteht starker Korruptionsverdacht. Der diesbezügliche interne Ermittlungsbericht des amerikanischen Juristen Michael Garcia, dem damaligen Vorsitzenden der Untersuchungskammer der FIFA-Ethikkommission, wurde erst zweieinhalb Jahre nach seiner Erstellung veröffentlicht. Aus diesem Bericht gingen irreguläre Zahlungen hervor.

Das österreichische Projekt Our Game hat im Rahmen der WM in Russland die Einhaltung der Menschenrechte gefordert und verschiedene Aktionen durchgeführt.

Fußball zum Hören

Welt im Ohr Logo © Lilo Moser

Auch bei Welt im Ohr  wurde anlässlich der WM in Russland  über die Zusammenhänge von Fußball und Entwicklung diskutiert. Die Sendung Fußball, Fairplay und Entwicklung befasst sich mit den positiven und negativen Rollen, die Fußball in der und für die Entwicklung des globalen Südens spielt. Kenner/innen sprechen über Ungleichheiten und Abhängigkeiten, Großveranstaltungen und Menschenrechte sowie genderspezifische und politische Aspekte des Fußballs.