Im Fokus: Brauchen wir heute Utopien?

Ein Gastbeitrag von Dipl.-Ing. Johannes Schmidl, Energiekonsulent und Sachbuchautor, der sich ausgiebig mit Utopien damals und heute befasst.

"utopia" | Lizenz: CC0 © Marc Hatot | Pixabay

Utopie: historisch

"Abraham Ortelius' map of Utopia" © Wikimedia

Sollen wir utopisches Denken auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgen oder hat es uns doch noch etwas für unsere Gegenwart zu erzählen? Vor 500 Jahren, 1516, erschien die Utopia von Thomas Morus, die Geschichte eines idealen Staates. Das utopische Programm lautet: Wir können uns unser Zusammenleben selber gestalten, und zwar ohne Bezug auf heilige Schriften, ohne Würdigung der Privilegien des Adels, ja wir können sogar anscheinend unverrückbare menschliche Grundkonstanten wie Gier nach Eigentum, Reichtum und Macht verändern.

Eine ganz andere Welt ist möglich, und unsere Vernunft erlaubt es, diese zu schaffen. Utopia war ein Startschuss. Ab da war kein Halten mehr, und die Anzahl utopischer Entwürfe für ideale Staaten, die seitdem entstanden, geht in die Hunderte. Utopien sind radikale soziale Gedankenexperimente. Sie setzen meistens an konkreten Schwachstellen und Problemen der gesellschaftlichen Wirklichkeit an und konstruieren dazu diametral positiv entgegengesetzte (die eigentliche Utopie) oder ausgeprägt negativ übersteigerte (Dystopie) rationale Bilder einer alternativen Gesellschaft.

Utopie: gegenwärtig

"oil pump jack" | Lizenz: CC0 © skeeze | Pixabay

Der reichere Teil der Bevölkerung in den industrialisierten Ländern lebt heute in realisierten Utopien: räumlich vom Rest der Welt aus gesehen, zeitlich von einem Großteil der abendländischen Geschichte aus gesehen. Was in den klassischen Utopien als technischer Fortschritt beschrieben wird, ist hier und heute erreicht oder überboten worden. Die materielle Basis dafür, muss man konstatieren, sind im Wesentlichen die mit perfektionierter Technik nutzbar gemachten Energieträger – im Wesentlichen Kohle, Erdöl, Erdgas.

Das weltweit realisierte System zur Nutzung fossiler Energie macht deutlich, welch ungeheure Kraft in dem Streben liegt, die menschlichen Lebensbedingungen zu verbessern. Für den Genuss der Früchte der Utopie sind wir bereit, außer Acht zu lassen, was wir wissen. Wir betrachten es als angemessenen Preis, die Lebensgrundlagen uns ferner Menschen in der Zukunft und in den Herkunftsländern der fossilen Energieträger zerstören zu lassen. Die Vergiftung des Nigerdeltas etwa nehmen wir in Kauf, um mit dem Erdöl von dort unsere Wohnungen zu beheizen oder unsere Autos zu betreiben. Wir wissen, dass die Erfüllung der Utopie das Leben zukünftiger Generationen bedroht, aber dieses Wissen scheint uns kaum in einer Form zu erreichen, dass wir daraus heute konkrete Taten ableiten würden.

Utopie: notwendig und gefährlich

"city" © Gerd Altmann | Pixabay

Brauchen wir heute Utopien? Ich denke, wir müssen jedenfalls den utopischen Diskurs in seiner ganzen Vielfalt und Buntheit wieder bewusst aufnehmen, und zwar aus zumindest zwei, letztlich entgegengesetzten Gründen:

Einmal, weil sich sehr viel an ursprünglich utopischen Ideen und Denkweisen beinahe unbemerkt in der Alltagswelt der westlichen Industriestaaten einquartiert hat. Mit allen realisierten Versprechen sind aber auch einige der dystopischen Schreckensbilder, die Utopisten spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls gezeichnet haben, unserem Alltag bedenklich nahe gerückt.

Zum anderen steht die Menschheit heute vor nie gekannten Herausforderungen und Aufgaben, deren Lösung alle ihre Kräfte in Anspruch nehmen wird. Dabei wird es notwendig sein, größere gesellschaftspolitische Entwürfe und Veränderungen zu erwägen, zu planen und letztlich auch zuzulassen. Das sind Utopien. Sie zeichnen ein Bild von gelingender Zukunft und motivieren uns, den Weg dorthin zu suchen und zu gehen.

Die Doppelgesichtigkeit von Gefahr und Notwendigkeit wird auch alles zukünftige utopische Konstruieren begleiten. Wer sie beachtet, sollte sich aber nicht scheuen, dieses gefährliche und faszinierende Land der gesellschaftlichen Gedanken- und Realexperimente zu betreten, um es mit Leidenschaft und Augenmaß urbar zu machen.

Zur Frage begrenzter Ressourcen und wie Utopien damit umgehen

"person" | Lizenz: CC0 © unsplash | Pixabay

Thomas Morus löst in Utopia die Frage nach der Verteilung der knappen Ressourcen mit zeitlich begrenzter erzwungener Arbeit für alle, und zwar auch für die, „die bei anderen Völkern untätig dahinleben, wie die Priester und frommen Ordensbrüder und alle die reichen Leute, insbesondere die Großgrundbesitzer und deren Dienerschaft, diesen ganzen Kehricht bewaffneter Tagediebe“. Es ist ein Staat mit genau ausbalancierter Produktivität: alle produzieren für alle das, was für das Leben an Nahrung, Kleidung und Wohnraum benötigt wird, und das kriegen alle kostenlos. Aber dann ist Schluss: es gibt keine Unter-, aber auch keine Überproduktion; Privateigentum und Luxus sind verboten, anstelle von Völlerei gibt es verordnete Mußezeit. Damit werden die materiellen Ressourcen geschont und jegliche Verschwendung wird verhindert: Der morussche Staat ist ressourceneffizient, bevor dieser Begriff erfunden worden ist.

Etwa hundert Jahre nach Morus geht Francis Bacon einen ganz anderen Weg, als er nach einer Antwort auf das Problem des Ressourcenmangels sucht. Zwar ist sein Staat Nova Atlantis wie der Vorgänger auf einer Insel realisiert, von der wiederrum eine europäische Expedition berichtet. Allerdings schöpft dort eine Art Akademie der Wissenschaften die Möglichkeiten von Naturwissenschaften und Technik so weit aus, dass für alle Bewohner/innen alles reichlich produziert wird. Bacons Botschaft lautet (etwas verkürzt): Wir brauchen uns nicht einzuschränken, wir müssen nur den potenziellen Überfluss der Natur endlich technisch nutzen!

Mit Morus und Bacon sind den nachfolgenden abendländischen Utopisten zwei Modelle für die Lösung des Ressourcenproblems vorgegeben, die das Denken bis in die Gegenwart beeinflussen.

Lewis Strauss, Chairman der US Atomic Energy Commission, verkündete 1954, elektrische Energie auf Basis von Atomkraft werde bald „too cheap to meter“, also zu billig sein, um überhaupt noch gemessen und verrechnet zu werden. Er steht damit ebenso in der Tradition Francis Bacons wie schon der utopische Sozialist Johann Adolph Etzler im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dieser konstruiert in Gedanken eine Welt des Überflusses, die er, ohne den Energiebegriff zu kennen, auf das gründet, was wir heute „erneuerbare Energieträger“ nennen. In seinem „Paradies, für jedermann erreichbar, …“ übernehmen Maschinen, angetrieben von Sonne, Wind und Wasser, alle mühsamen Arbeiten. „Utopisch“ bedeutet eben nicht „unerreichbar“ oder „unsinnig“.

Vortrag dazu auf der Internationalen Konferenz TA15 Wien, 1. Juni 2015

Utopie und Energie

Cover "Energie und Utopie" © Sonderzahl Verlag

Einen Vortrag zum Thema „Energie und Utopie: 500 Jahre Gedankenexperimente zur Lösung des Ressourcenproblems“ vom September 2015 bei den Energiegesprächen im Technischen Museum gibt es hier zum Nachhören (ca. 20 Minuten).

Lesetipp: Johannes Schmidl (2014): Energie und Utopie. Verlag Sonderzahl Wien. ISBN 978 3 85449 412 6.

Utopie – die Notwendigkeit der Insel?

Cover "Bauplan für eine Insel" © Sonderzahl Verlag

Jeder hätte gern ein Vaterland ohne Nachbarn

Und ein Leben in der Pause

Zwischen zwei Kriegen

Wisława Szymborska, Eine Version der Vorkommnisse

Die meisten Utopisten stellten sich ihren Ort von Gerechtigkeit und Wohlstand als vom Rest der Welt getrennt vor. Und es scheint, dass auch wir das Wort „Glück“ schleichend präzisieren – oder beinhaltet es schon unausgesprochen diese Einschränkung? – und zwar um eine äußere Grenze.

Der Ort der erfüllten Utopie ist die Insel. Nur auf dieser konnte das utopische Realexperiment begonnen und über längere Zeit betrieben werden, für diese wurde es von Beginn an geplant.

Ihr Leben auf der Insel schirmt die Utopier/innen vor dem Blick auf die unzumutbaren Wahrheiten der Ereignisse außerhalb ab und erlaubte es, die Komplexität der Zusammenhänge im Inneren zu reduzieren. Die Insel bewahrt das Bankgeheimnis für die Oligarchen und schützt sich mit Zöllen. Will jemand mit der Insel Handel treiben, verlangen ihre Verwalter von diesen, ihre Fischereirechte an die industrialisierten Flotten der Insel abzutreten und ihre Märkte zu liberalisieren, damit sie die eigenen Güter unbegrenzt exportieren können. Vielleicht ohne es gleich zu merken und zu wollen, haben die Inselbewohner/innen der Außenwelt ihre eigene, manche sagen, eine kannibalische Ordnung aufgezwungen. Der Wohlstand der Inselbewohner/innen verschlingt und beansprucht begrenzte Ressourcen, die aus der Außenwelt bezogen werden. Und die Insel ermöglicht ihren Bewohner/innen Freiheit und Wohlstand in einem in Raum und Zeit unübertroffen Ausmaß.

Map of international border fences

Lesetipp: Johannes Schmidl (2016): Bauplan für eine Insel. 500 Jahre Utopia. Verlag Sonderzahl Wien, ISBN 978 3 85449 455 3

Podcast

Welt im Ohr Logo © Lilo Moser

In der Radiosendung "America first – und andere Dystopien, die Entwicklungspolitik in Frage stellen" spannt Johannes Schmidl, im Gespräch mit Andreas Obrecht, den Bogen der Utopien und Dystopien von ihren verschriftlichen Anfängen im 16. Jahrhundert, bis zu den heute gelebten, aber auf weiter Strecke nicht als solche erkannten Utopien. Eines steht über allem. Die Überzeugung, dass sich die tatsächliche Utopie nur auf einer Insel, also in einem in sich geschlossenen Raum und in der Abschottung gegenüber den Anderen verwirklichen kann.

Hier können Sie diese Sendung nachhören und downloaden.