Filmtage 2016: "Wissen.Schafft.Entwicklung." - Ein Rückblick

Filmtage 2016 © Helena Nygren | Jacob Andrén

Wissen.Schafft.Entwicklung.

in Kooperation mit dem VIII. Mittelamerikanischen Filmfestival und dem this human world-Festival

Im Fokus der Filmtage Wissen.Schafft.Entwicklung. steht die Vermittlung entwicklungspolitischer Themen, die aktuell von wachsender globaler Relevanz sind – nämlich für Menschen in Industrienationen genauso wie für Menschen in ärmeren Regionen.

Veranstaltet wurden die Filmtage 2016 von der Kommission für Entwicklungsforschung (KEF) und       APPEAR, dem Hochschulkooperationsprogramm der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA), in Kooperation mit dem dem VIII. Mittelamerikanischen Filmfestival und dem this human world-Festival.

Datum: Montag 5. und Donnerstag 8. Dezember 2016

Veranstaltungsorte: Metro Kino, Johannesgasse 4, 1010 Wien, www.filmarchiv.at und Top Kino, Rahlgasse 1, 1060 Wien, www.topkino.at

Details: Programm

5. Dezember 2016 – ein Rückblick

Filmtage 2016 © Mariana Vazquez Strauss

Am 5. Dezember 2016 wurde das Publikum nach Mittelamerika, genauer nach Costa Rica und Honduras begleitet. Der erste Film „I bought a rainforest/Mein Regenwald“ des schwedischen Filmemachers Jacob Andrén führte die Zuschauer in die Tiefen des costa-ricanischen, nicaraguanischen und des honduranischen Regenwaldes. Andrén, der als Kind mittels Kuchenbasar und anderer Aktivitäten gemeinsam mit 400.000 anderen schwedischen Kindern Geld sammelte, um sich ein Stück lateinamerikanischen Regenwald zu kaufen, machte sich im Erwachsenenalter samt einer Filmcrew auf, dieses Stück Land zu suchen. Beginnend bei seiner früheren Lehrerin in Schweden suchte er nach Dokumenten, die belegen, wo sich „sein“ Stück Land befindet. Eine Odyssee begann, an deren Ende zwar ein Happy End steht, nicht jedoch ohne aufzuzeigen, wie massiv der Regenwald von Zerstörung, sowohl legal, als auch illegal bedroht ist.

Nach diesem Film übernahm der renommierte Lateinamerikaforscher Georg Grünberg das Wort. Eigentlich als Diskussion gedacht, bot der Film Georg Grünberg soviel Input, dass er zunächst sofort begann dem Publikum einen tieferen Einblick in die Thematik zu geben. Er erinnerte daran, dass es vor rund 15 Jahren auch in Österreich ein Projekt gab, wo Österreicher/innen sich ein eigenes Stück Regenwald kaufen konnten. Die Reaktion seiner Kolleg/innen an der Universität in Costa Rica waren eher negativ, denn der Regenwald „gehört“ in deren Verständnis den Menschen, die darin leben, nicht einem oder einer Fremden, der/die Tausende Kilometer weit weg sitzt und dafür Geld bezahlt. Weiters berichtete er über die Ergebnisse aus dem KEF-Projekt „Biokulturelle Vielfalt an der Pazifikküste von Costa Rica. Partizipative Integration indigener Gemeinschaften in Management-Strategien und die Erhaltung von Ökosystemen in der Golfo Dulce Region“, das in der Durchführung zunächst mehr Fragen als Antworten aufwarf. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Biodiversität und den Lebensraum Regenwald für indigene Völker mischten sich mit Anekdoten über z.B. den costa-ricanischen Projektpartner, der am Kobenzl bei Wien in Mitleid mit den Österreicher/innen verfiel, die in einem an Pflanzenvielfalt so armen Land leben müssen. Am Kobenzl stehen nur Buchen, generell gibt es in Österreich „nur“ 42 unterschiedliche Baumarten. In Costa Rica hingegen wachsen auf einem Hektar Land 200-400 unterschiedliche Pflanzenarten.

Generell sieht Georg Grünberg in den Menschen, die seit langem im Regenwald leben, den besten Schutz für diesen, was aus dem Publikum nicht ganz unkritisch aufgenommen wurde, bräuchte es doch nicht nur die dort lebenden Menschen, sondern auch eine zweite Ebene auf Regierungsseite. Grünberg bringt hier das Schlagwort „Empowerment“, indigene Völker bräuchten Rechtsschutz und Solidarität.

Nach einer kurzen Pause wurden von Magdalena Heuwieser, einer österreichischen Umweltaktivistin mit Erfahrung in Honduras, die beiden Filme „Die Stimme des Gualcarque“ und „Berta Vive!“ eingeleitet. Honduras ist das Land mit der weltweit höchsten Anzahl von Morden an Menschenrechts- und Umweltaktivist/innen. Auch Berta Cáceres gehört dazu. Die Aktivistin wurde am 3. März 2016 in Ihrem Haus in Honduras erschossen, sie war eine harte Kämpferin für die Rechte der Indigenen und gegen staatliche Bauprojekte, die Natur und Lebensraum der Indigenen zerstören würden. „Die Stimme des Gualcarque“ zeigte den Widerstand der indigenen Lenca-Gemeinden gegen ein Staudammprojekt am Ufer des Gualcarque in Honduras. „Berta Vive!“ hingegen war Berta Cáceres gewidmet, ihrem Leben für die Natur und für die Wahrung der Menschenrechte der indigenen Bevölkerung.

Ausklang fand der zum Ende hin doch sehr schwermütige Abend bei, teils nicht minder schwermütiger doch sehr bewegender, Live Musik von Veronica Monzón und Pedro Hernández, zu der später auch getanzt wurde. Dazu spendierte das Restaurant Manolos Cocktails.

8. Dezember 2016 – ein Rückblick

Unforgiven Ruanda © Mariana Vazquez Strauss’

Am 8. Dezember bewegte man sich in eine andere geographische Richtung und widmete den Abend sozialen Entwicklungen in Ostafrika.

Unforgiven: Rwanda“ thematisierte die schwere Aufgabe der Vergebung/Versöhnung, 20 Jahre nach dem 1994 verübten Genozid der sogenannten ethnischen Gruppe der Hutu an den Tutsis in Ruanda. In annähernd 100 Tagen wurden 800.000 bis eine Million Menschen getötet, teilweise von ihren eigenen Freunden und Nachbarn. In ruhigen Bildern erzählt der Film die Versuche, Täter und Opfer zusammenzubringen und die der Opfer, aber auch der Täter, Frieden zu finden. Insbesondere wird die Arbeit der christlichen NGO CARSA porträtiert, die mittels unterschiedlicher Methoden an Vergebung und Versöhnung arbeitet.

In der darauffolgenden Diskussion von Charles Rutikanga und Helmut Spitzer wurde erst die Besonderheit dieser Bluttat hervorgehoben. Denn hier hätten lt. Charles Rutikanga Ruandis Ruandis getötet und die Überlebenden, insbesondere im ländlichen Bereich, seien bis heute gezwungen, Tür an Tür mit den ehemaligen Tätern zu leben. Hutus und Tutsis als ethnische Gruppe hätten Hunderte Jahre nicht existiert, der Genozid sei systematisch geplant gewesen in Form einer Aufwiegelung von zwei vermeintlich unterschiedlichen Volksgruppen. Es wurde nicht nur auf die Last des Vergebens, sondern auch auf die des Nichtvergebens eingegangen, da beide sehr schwer zu tragen seien. Charles Rutikanga erläuterte, dass die Opfer auf vielen Ebenen verraten und geopfert worden seien, nicht nur durch den Staat (der aktiv an der Ermordung beteiligt war) und die internationale Community (die nicht eingegriffen hat), sondern auch durch die Kirche. Fast die Hälfte der Opfer sei in Kirchen gestorben, wo sie Schutz suchten. Der Begriff „survival guilt“ wurde thematisiert, denn bevor man seinen Tätern vergeben könne, müsse man sich selbst vergeben, dass man überlebt hat, während Freunde und Familienmitglieder umgebracht wurden. Ein weiterer Diskussionspunkt war die Genderthematik (Vergewaltigungen im Zuge der Ermordungen, viele Vergewaltigungskinder die heute junge Erwachsene sind), die auch beim zweiten Film naturgemäß noch stärker thematisiert werden sollte.

In der Publikumsdiskussion kamen vor allem Fragen auf wie sich die Projekte dieser NGO finanzieren würden, wie generell die Unterstützung von Seiten des Staates heute aussehe und ob die Frage nach Vergebung auch umgekehrt thematisiert werde, da auch, wenn auch viel weniger, Tutsis Hutus umgebracht haben. Heute gilt die ruandische Regierung lt. Helmut Spitzer als ein Role Model auf dem afrikanischen Kontinent, was allerdings nicht unkritisch gesehen werden darf.

Der zweite Film des Abends „The Pearl of Africa“ befasste sich mit einer ebenso schweren Thematik, die allerdings in die schöne Liebesgeschichte einer Transgenderfrau mit ihrem Partner verwoben ist. In der ersten Hälfte des Filmes wurde auf die Lebensrealität von LGBTIQ-Personen in Uganda eingegangen, die keine rosige ist, doch im weiteren Verlauf stand vor allem die Liebesbeziehung im Vordergrund.

Auch diesem Film folgte eine inhaltliche Diskussion. Helmut Spitzer und Claudia Sattler diskutierten die Thematik mit in Folge reger Publikumsbeteiligung.

2014 unterzeichnete Präsident Museveni ein Gesetz, das homosexuelle Handlungen in Uganda mit hohen Strafen, teilweise bis zur Todesstrafe, belegte. Dieses wurde zwar im August für nichtig erklärt, dennoch haben Homosexuelle in Uganda ein sehr schweres Leben. LGBTIQ ist in Uganda bis heute ein großes Tabuthema, weshalb es in der Bevölkerung auch an Aufklärung fehlt. Claudia Sattler, die 2014 zu diesem Thema in Uganda geforscht hat, erläuterte im Gespräch, dass es zwar im Fernsehen in z.B. ausländischen Serien gemäßigt intime Szenen gebe, in der Öffentlichkeit sei es aber völlig verpönt. Die Medien könnten hier eine Aufklärungsrolle übernehmen, da diese aber unter staatlicher Kontrolle stünden, passiere das genaue Gegenteil. Sie berichtete weiter, dass LGBTIQ-Personen und Paare sich in der Öffentlichkeit eher freundschaftlich verhalten müssten und wie schwer es für v.a. Jugendliche sei, da man, sollte man einmal „gebrandmarkt“ sein, aus der Schule fliege, keinen Job bekomme und oft als Sexarbeiter/in ende. Damit rutschten Menschen in die Illegalität (Sexarbeiter/innen wie auch die zumeist bisexuellen Kunden). LGBTIQ-unterstützende NGOs müssten sich als Menschenrechtsorganisationen tarnen. Helmut Spitzer zeigte die Rolle der Kirche bei diesen Gesetzen und dem Hass in der Bevölkerung auf. Die sehr homosexuellenfeindliche Einstellung ginge vor allem von der evangelischen Kirche aus den Vereinigten Staaten aus, deren Vertreter/innen nach Uganda kämen um zu „missionieren“. Die Kirche werde immer stärker, nicht nur in Uganda, und man müsse eher auf grassroot level ansetzen um hier Aufklärung in der Bevölkerung zu betreiben.

In der Publikumsdiskussion kam die Frage nach der vor-missionarischen Situation, die laut Diskutant/innen um einiges besser war. Generell wird der Thematik zwar ein positiver Fortschritt zuerkannt, dennoch könnte dieser laut allen Beteiligten weit schneller gehen.

Mit dieser zwar düsteren aber nicht hoffnungslosen Diskussion endete Tag zwei der sehr gut bis ausverkauften Filmtage „Wissen.Schafft.Entwicklung.“ 2016.

Bildergalerie

Besucher/innen © Juan Muñoz
Besucher/innen © Juan Muñoz
Besucher/innen © Juan Muñoz
Besucher/innen © Juan Muñoz
Beteiligte © Juan Muñoz
Maiada Hadaia und Georg Grünberg © Juan Muñoz
Maskottchen der Filmtage © Juan Muñoz
Publikum © Mariana Vazquez Strauss’