Was wurde aus…“Dharavi – Ground Up“ (P184)?

Spiel- und Begegnungsraum in Bhwinadi/Indien
Dr. Martina Spies, damals Leiterin der Aktivitäten vor Ort und Autorin dieses Artikels, berichtet über die Langzeitwirkung des 2013 abgeschlossenen Projekts in Mumbais größtem Slum.

Das Projekt "Dharavi Ground-Up"

2011 erhielt ich die spannende Aufgabe, das von der KEF finanzierte Forschungsprojekt "Dharavi - Ground Up" in einer der vielfältigsten und dichtesten Siedlungen Asiens vor Ort leiten zu dürfen. Bald darauf entstand ein engagiertes und ambitioniertes Forschungsteam mit Menschen vor Ort – in Dharavi beheimatet – und mit Expert/innen der Soziologie, Architektur und Sozialwissenschaften. In unserem kleinen Büro in Bandra, einem Bezirk nahe Dharavi, entstanden erste Ideen. Bald kam es zu einem regelmäßigen Erfahrungsaustausch, von dem alle Beteiligten profitierten: Wir verstanden die informelle Siedlung Dharavi als Ausdruck der Identität und der Bedürfnisse ihrer Bewohner/innen, die als Grundlage für städteplanerische Bottom-up Ansätze und praxisbezogene Hands-on Projekte dient: Zielgerichtet auf eine Umsetzung und Fortführung der wissenschaftlichen Arbeit, welche insbesondere den Frauen und Kindern in Slums von Mumbai zugutekommen soll, gründete ich 2013 gemeinsam mit Sozialwissenschafterinnen, Soziolog/innen, Architekturtheoretiker/innen, Baumeister/innen und Sozialarbeiter/innen den gemeinnützigen Verein „Anukruti“, was auf Hindi „kleine, kreative Räume“ bedeutet.

Durch meine langjährige Forschungstätigkeit vor Ort lernte ich besonders viele Frauen und Mädchen kennen. Genau sie waren die Hauptakteurinnen, da die Forschungsarbeit auf die Gespräche mit ihnen und ihren Erlebnissen aufbaut. Aus den anfangs zögerlichen Konversationen ging bald hervor, dass insbesondere die weiblichen Bewohner keinen öffentlichen Platz zum Treffen und Spielen haben. Diese Tatsache war eine starke Motivation für mich, eine unbürokratische Hands-on Organisation zu gründen, die Kommunikationsflächen und Spielplätze besonders für die weibliche Bevölkerung in den Slums von Mumbai baut und ihr einen sicheren Sozialraum zur Verfügung stellt. Denn Buben spielen mit ihren Freunden Kricket in den kleinen Straßen, während die Mädchen keine geschützten Spielflächen zur Verfügung haben und stattdessen ihren Müttern bei der Hausarbeit helfen müssen.

Anknüpfungspunkte der Wissenschaft an die Lebenssituation der Bevölkerung

Genau hier schafft die wissenschaftliche Arbeit Anknüpfungspunkte für eine hohe gesellschaftliche Relevanz und einen nachhaltigen und praxisbezogenen Zugang und setzt bewusst Akzente für eine Verbesserung der Lebenssituationen der Bevölkerung: In nur drei Jahren wurden bereits neun permanente bzw. temporäre Spiel- und Kommunikationsflächen errichtet, welche den Frauen und Kindern Raum zum Treffen und Spielen geben. Diese Spiel- und Sozialräume werden „Stadtblumen“ genannt, die es je nach Platzangebot in den Größen small, medium und large gibt. Beim Spielen entwickeln besonders die Mädchen in Slums Selbstwertgefühl, Selbstbestätigung und Selbstvertrauen. Sie üben ihre Denkfähigkeit und Kreativität. Sie lernen Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Sie erwerben Einfühlungsvermögen und Verständnis für andere. Für die Frauen bedeutet eine gebaute Kommunikationsfläche innerhalb ihrer Nachbarschaft ein Loslassen-Können, eine Unterbrechung ihres Alltags. Sie ist sicheres Podium und soziale Insel des Austauschs mit Freund/innen und Nachbar/innen.

Das Nachfolgeprojekt "CULTPLAY"

Was wäre die von KEF finanzierte wissenschaftliche Arbeit ohne Praxisbezug, ohne für die Gesellschaft relevante, weiterführende Taten? Was wäre unsere Welt ohne Spielplätze und gemeinschaftliche Flächen, insbesondere für Mädchen und Frauen? Diese Fragen waren ein erneuter Antrieb, ein Folgeprojekt ins Leben zu rufen, um die Kultur des Spielens in Mumbai innerhalb informeller Siedlungen zu untersuchen. Ich bin glücklich, dass wir im Herbst 2017 den Zuschlag für dieses spannende Folgeprojekt "Die Kultur und Entwicklung des Spielens von Kindern (CULTPLAY)" bekommen haben und dass wir seit November 2017 vor Ort in Kooperation mit der TU Wien, dem Rizvi College of Architecture und dem TATA Institute for Social Sciences aktiv sein dürfen.

Wir haben erneut ein kleines Büro innerhalb der zu erforschenden Nachbarschaft Juhu Koliwada gefunden. Seit drei Monaten forschen wir gemeinsam hier und in den ausgewählten Nachbarschaften: Das Team besteht einerseits aus vertrauten Menschen, die bereits beim ersten KEF Projekt mitgemacht haben, wie Dr. Amita Bhide (TATA Institute of Social Science) und Vinod Kumarchetty, der in Dharavi geboren und nun für die Feldforschung zuständig ist. Andererseits konnten wir das Team mit jungen Menschen erweitern, die voller Energie und Freude am Projekt arbeiten.